Pressestimmen



Christoph Goldstein in VILSBIBURGER ZEITUNG im Mai 2017

In der guten Stube Geisenhausens
TRIO TRINITI in Schmid´s Laden

Wissen Sie, was ein Clavichord ist? – Es gibt Dinge, von denen weiß man, dass es sie gibt, man muss sie aber nicht unbedingt gesehen, zum Beispiel die Antarktis, oder gehört haben, zum Beispiel das Geräusch eines Presslufthammers. Aber, um zur Sache zurückzukommen: Es gibt Dinge, bei denen man sich denkt: „Ja, ich weiß schon, was das ist; ich kann mir vorstellen, wie das klingt.“ Aber: Wie stark betrügt uns unsere scheinbare Allwissenheit! Ich dachte bis vor kurzem auch: „Ja, ich weiß, was ein Clavichord ist.“ Aber ich habe noch nie eines gehört. Bis gestern! Und erst, als ich gehört habe, wie ein Clavichord wirklich klingt, da habe ich einen wahren Begriff davon bekommen, was das eigentlich ist – ein Clavichord. Das ist ein ganz, ganz, ganz kleines Klavier. So klein, dass man es überall hin mitnehmen kann. Man könnte es einpacken und im Zug oder im Auto auspacken und einfach darauf spielen. Aber darum geht es mir nicht. Wie das klingt so ein Clavichord! Sagenhaft! Wie das feine Zirpen einer Grille, das uns ein Windhauch von ganz fern an unser Ohr trägt und man sich erst fragen muss: „Ist da was?“ Und das spannendste war: In dem Moment, in dem die Cembalistin Jitka Slechtova auf diesem Instrument begonnen hat zu spielen, da saß jeder im Publikum auf dem Rand seines Stuhles, denn das Clavichord war ja so leise – und niemand wollte etwas verpassen! Der Applaus danach kommt einem dann ungefähr so laut vor, wie das Getöse, das eine trampelnde Büffelherde macht.
Und, wenn ich jetzt schreibe, das müssen Sie einfach gehört haben, dann meine ich das wirklich so. Denn dieses Instrument muss man erlebt haben. Und Schmid’s Laden ist genau der Ort dafür. Denn das Clavichord ist eigentlich für den Hausgebrauch gedacht: Für einen, maximal zwei oder drei Zuhörer.
Zuhause zu musizieren war ein zentraler Teil der Musikpraxis im 17. und 18. Jahrhundert. Und genauso fühlt man sich beim Konzert des Trio Triniti: Als ob drei hübsche Damen zusammen zu Hause in der guten Stube musizieren. Man merkt es den dreien an, dass sie sich kennen, sich vertrauen können. Und es macht Spaß, ihnen zuzuhören. Vor allem, wenn Martina Stecherova alle Facetten von Witz, Leid, Trauer und Freude verkörpert, die in den Arien, die sie singt vorkommen. Und: Man versteht es! Selbst, wenn man nicht des Italienischen mächtig ist. Monika Devatas virtuoses, müheloses Flötenspiel – wenn Sie noch nie gehört haben, wie eine Blockflöte „wirklich“ klingen kann, dann können sie es, wenn sie spielt, hören! – ist schon an sich ein Ereignis. Und: Sie kann – wie ein wunderschöner Rahmen zu einem Gemälde gehört, der sich aber nicht aufdrängen darf – einen wunderschönen Rahmen für die Sängerin bilden. Und ohne diesen Rahmen, wäre der Gesang schön, aber nicht so schön, wie mit einem Rahmen. Sie merken schon, ich bin begeistert. Noch zwei Mal haben Sie die Gelegenheit sich von diesen drei Damen begeistern zu lassen. Am 19. Mai um 20:00 Uhr und am 21. Mai um 17:00 Uhr – natürlich in Schmid‘s Laden. Der guten Stube Geisenhausens.


Karin Basso-Ricci in VILSBIBURGER ZEITUNG im April 2017

Ring frei!
Mozart gegen Mozart in neuer Produktion von Schmid’s Laden

„Ring frei!“ hieß es vergangenen Sonntag für die neue Produktion von Schmid’s Laden: Mit der Premiere von „Paris, hin und zurück“ widmete sich die findige Truppe des Theaters in Geisenhausen erneut einer Künstlervita und bot einen wahren Schlagabtausch. Niemand geringerer als Wolfgang Amadeus Mozart (Christoph Goldstein) und sein Vater Leopold (Hausherr Christoph Schmid) stiegen vor ausverkauftem Hause in den Ring – Pardon, auf die Bühne. Mit szenischen Auszügen aus dem originalen Briefwechsel von Vater und Sohn und Violinsonaten von Wolfgang Amadeus ließen sie dessen biographisch bedeutende Paris-Reise und die spannungsreiche Symbiose der beiden Männer aufleben. Schlagfertig, flott choreographiert, reduziert aber effektvoll inszeniert – wie man es von Schmid’s Laden gewohnt ist und es das ungewöhnliche Veranstaltungsplakat von Hausfotograf Thomas Beißner mit einer Boxszene suggeriert hatte.

Salzburg, September 1777: Nach dem Zerwürfnis mit seinem Arbeitgeber, Fürsterzbischof Hieronymus von Colloredo, braucht Wolfgang Amadeus eine neue Anstellung. Also schickt ihn Vater Leopold mit der Mutter über München, Augsburg und Mannheim nach Paris, um potentiellen Dienstherren die Aufwartung zu machen. Erstmals kann er seinen Sohn nicht begleiten, ist nur schriftlich mit ihm in Kontakt. Ganz dem didaktischen Anspruch von Schmid’s Laden verpflichtet, präsentierte Moderatorin Adelheid Hold den historischen Kontext.

Im charaktervollen Vortrag der Briefpassagen ließ Schmid dann einen pragmatischen Leopold zu Wort kommen, unbeeindruckt von des Sohnes Grillen, selbst als ihm dieser seine Liebe zur Sängerin Aloysia Weber gesteht. Die knappe Familienkasse vor Augen, ist Leopold auf den materiellen Erfolg aus, lenkt die Unternehmungen des Sohnes bis ins Detail. Aus Wolfgang Amadeus‘ Zeilen – von Goldstein ganz in Urlaubslaune in Hawaii-Hemd und auf einem Koffer sitzend auswendig vorgetragen – sprach ein derb-humorvoller und vielleicht etwas naiver Idealist mit eigenen Träumen. Dem Willen des Vaters weiß er sich gelegentlich geschickt zu entziehen – spritzige Pointen waren damit garantiert!

Dazu war die Musik treffend gewählt: Ausgerechnet die Violine, mit Leopold und seiner europaweit bekannten Violinschule eng verbunden. Und ausgerechnet die Violinsonate, die Wolfgang Amadeus im Laufe seines Schaffens entwickelte – von der Dominanz des Klaviers, die sie zu dieser Zeit hatte, hin zu einem Dialog zweier gleichberechtigter Partner. Somit fiel es schwer, die Musik unabhängig von den gespielten Rollen zu hören. Zunächst die G-Dur Sonate KV 301, die just 1778 in Mannheim entstand. Hier herrscht noch eindeutig das Klavier, die Geige ist oft, bis hin zu langen Haltetönen, nur Begleitung dafür. Dies kostete vor allem Schmid am Klavier aus: tonangebend, bestimmend, manchmal fast aggressiv.

Der zweite Teil des Abends brachte einen Wendepunkt: den Tod der Mutter 1778 in Paris, der Wolfgang Amadeus tief erschüttert. Jetzt wird deutlich, wie sehr die beiden Männer sich auch emotional brauchen: „Niemand kann mich vor dem Tode erretten als du“, schreibt Leopold an seinen Sohn und bittet ihn eindringlich, sofort zurückzukehren. Dieser bäumt sich zunächst auf. Von der Liebe und dem ausbleibenden Erfolg enttäuscht, kehrt er aber schließlich 1779 ins ungeliebte Salzburg zurück, kapituliert scheinbar, geht k.o.

Wäre da nicht die Musik: die B-Dur Sonate KV 378, 1779 in Salzburg komponiert. Hier lässt Mozart beide Instrumente gemeinsam brillieren und Goldsteins Geige nimmt sich beherzt ihren Anteil. Man möchte dies symbolisch für einen Sohn sehen, der sich nicht nur musikalisch – daran hatte sein Vater nie Zweifel –, sondern auch in seinen Lebensentscheidungen emanzipiert. In Schmid’s Laden wurde Kammermusik zu Musiktheater und der verlebendigte und berührende Einblick in den kulturhistorisch so bedeutenden Briefwechsel von Vater und Sohn Mozart war ein Geschenk. Das Publikum dankte es mit ausladendem Applaus.


Christoph Goldstein in VILSBIBURGER ZEITUNG im März 2017

Die glorreichen Vier
Köll, Amannsberger, Ross und Thalhammer zu Gast in Schmid’s Laden!

Ich habe eine furchtbare Angewohnheit. Ich plaudere gerne. Wenn mir jemand ein G‘schichterl erzählt und dann sagt: „Aber sag’s ja nicht weiter!“ Dann sage ich: „Ja, ja, versteht sich, natürlich!“ Kurz darauf juckt es mich so in den Fingern – und ich erzähle es doch jemandem! Also passen S‘ auf: Ich war am Freitagabend in Schmid’s Laden. Es ist 20:00 Uhr. Ich sitze erwartungsvoll auf meinem Platz. Es wird 20:03. – „Jetzt werden s‘ bald anfangen!“ 20:05. – „Wenn s‘ jetzt nicht bald anfangen, krieg‘ ich nachher beim Peppone keine Pizza mehr!“ – Da kommt Christoph Schmid auf die Bühne: „Keine Angst, meine Damen und Herren, wir beginnen sofort. Einer unserer Gäste ist noch drüben beim Peppone; wenn Sie nichts dagegen haben, warten wir noch etwas. Sie sehen, jedes Schäfchen ist uns wichtig!“ Natürlich ist die Begleiterin des vermissten Herrn schon längst auf der Suche nach ihm… Der Herr kommt. Die Vorstellung kann beginnen – und ich habe meine Pizza bekommen. Aber es geht um etwas anderes: Wer hätte das gedacht. Haben Sie schon einmal erlebt, dass das irgendwo anders passiert? Dass man auf einen Gast wartet? Nein! Aber auch das zeichnet Schmid’s Laden aus. Man kümmert sich um jeden einzelnen Gast. So freundlich wie der Gastgeber sind auch die vier Herren, die dann auf die Bühne kommen: Richard Köll, Stefan Amannsberger, Michael Ross und Martin Thalhammer. Aber, was soll ich sagen. Es ist einfach gut. Gut, wie die Herren zusammenpassen, zusammenspielen, sich verstehen. Kein Wunder, sie spielen ja schon ewig zusammen. Und dabei erfinden sie sich zum Teil immer wieder ein bisschen neu. Aber keine Angst, es ist immer noch das, was Sie kennen, schätzen, lieben. Wie bei einem Krimi von Donna Leon, oder, wenn Sie es wünschen, Agatha Christie. Wir kennen und lieben die Form, die immer gleich ist, aber die Geschichte ist doch immer einer andere. Und genauso hier: Richard Kölls augenzwinkernde Moderationen gehören einfach dazu. Sie bewahren mich davor, dass ich durch zu viel Musik, wie es oft so ist, ersäuft werde – mehr bekomme, als ich eigentlich will, als ich aufnehmen kann. Und: Sie leiten auch noch über zum nächsten Stück, das oft eine ganz eigene Geschichte hat: Zum Beispiel die, von der Essigrosendickfühlerweichwanze. Aber dieser Titel spielt eigentlich keine Rolle, die Stücke würden auch ohne den Titel funktionieren und man hat fast den Eindruck, die Titel gibt es nur, um die lustigen Moderationen überhaupt möglich zu machen. Eins noch: Wenn die Herren im Quartett spielen und Michael Thalhammer (Bass) Stefan Amannsberger (Gitarre) von der Pflicht immer das harmonische Fundament und die Bewegung zu liefern entlastet, dann kann Stefan Amannsberger viel befreiter aufspielen. Und das gibt dem harmonischen Teppich, den beide ausbreiten, noch viel interessantere Muster. Auf diesem Teppich spaziert, leichtfüßig Michael Ross (Querflöte). Er liefert die Virtuosität. Er ist der Instrumentalist in dieser Gruppe, den man wegen seiner Fähigkeiten bestaunt. Und das gehört zum Jazz unbedingt dazu. Und das macht den im Kontrast dazu stehenden lyrischen Stil von Richard Köll noch sympathischer. Alle vier ergänzen sich mit ihren Stärken. Besser geht’s nicht!
Richard Kölls Kompositionen verbinden oft scheinbar Gegensätzliches. Ein Beispiel: In „Der Vintagerich“ steht eine leicht verdrehte Gavotte neben Swing. Das funktioniert, weil beides Tanzformen sind, die ähnliche Bewegungsmuster haben. Aber 1+1 (Barock + Swing), das ist noch kein Stück. Erst durch den Ruhepol in der Mitte entsteht es, der nicht auf Bewegung setzt, sondern auf harmonische Spannung und Entspannung – ohne Bewegung, ohne Tempo; fast meditativ. Man hofft, dieser Mittelteil möge nie enden, aber: dann geht es wieder von vorne los, bloß in der umgekehrten Reihenfolge. Das Prinzip im Konzert durch Abwechslung – Moderationen – das Publikum nicht zu überfahren, überfluten ist auch in den Stücken Richard Kölls wirksam – bloß in der Musik selbst. Deshalb passt Richard Köll so gut zu Schmid’s Laden. Denn Christoph Schmid verfolgt ein ähnliches Konzept im Bereich der Klassischen Musik.
Wer die beiden weiteren Termine der „glorreichen Vier“ nicht verpassen möchte – und das rate ich Ihnen nicht – der hat noch am Freitag,18. März um 20:00 Uhr und am Sonntag, 26. März um 17:00 Uhr die Gelegenheit. Ach ja! Eine neue CD gibt es auch noch! Zu kaufen – auch signiert – bei den Vorstellungen!



Christoph Goldstein in VILBIBURGER ZEITUNG im Februar 2017

Einsteigen bitte!
Grandiose Winterreise in Schmid’s Laden

11.02.2017, gegen 22:00, Schmid’s Laden: Die Dame neben mir springt auf, ruft: „bravo!“ Der Herr in gesetzterem Alter schräg rechts applaudiert wie verrückt und ruft „super!“; die Menschen schreien und jubeln. Haben sie recht? Und ob! Denn das, was sie eben hautnah miterlebt haben – Müllers Winterreise, vertont von Schubert – war gewaltig, mitreißend – irre! Aber was ist diese „Winterreise“ überhaupt? 24 schauerliche Lieder, die allesamt um eines kreisen: um die verzweifelte Irrfahrt eines fiktiven Subjekts, das von seiner Geliebten betrogen wurde; Verzweiflung, Erinnerung, Flucht, Resignation, Aufbäumen, Todessehnsucht. Es gibt viele Möglichkeiten die Reise dieses fiktiven Subjekts darzustellen. Peter Tilchs Subjekt brüllt, wütet, rüttelt an den Gitterstäben des selbstgebauten Gefängnis‘. Die „Winterreise“ wird zu einer fürchterlichen Reise. Schon das erste Lied bebt, zittert unter der Last des Ernstes, der Lautstärke, der Bedeutung, die es aushalten muss – und es hält es aus. Und die Zuhörer auch. Sie sind von der Gewalt der Ausführung hingerissen. Christoph Schmid hat bei der Winterreise den schwierigeren und wichtigeren Teil. Er muss in wenigen Takten die Szenerie schaffen; mal muss er, wie im ersten Lied, einen Teppich ausrollen, mal hat er die Hauptrolle (Nr. 18) und eigentlich macht die Klavierstimme die Lieder erst interessant und erzählt manchmal eine ganz eigene Geschichte (Nr. 16, Nr. 24). Um das schwierige Verhältnis dieser beiden, Stimme und Klavier, die oft Gegenspieler sind – sein müssen – darum geht es bei der Winterreise, musikalisch gesehen. Deshalb ist die „Winterreise“ auch oft eine Enttäuschung. War’s eine, oder nicht? Das müssen Sie selbst herausfinden. Entweder am 25. Februar um 20:00 oder am 26. Februar um 17:00. Es lohnt sich auf alle Fälle in die Geisterbahn einzusteigen. In die Geisterbahn? Als solche wird die „Winterreise“ nämlich in Schmid’s Laden inszeniert. Aber damit nicht genug; wissen Sie von wem die „Winterreise“ eigentlich ist? Von Wilhelm Müller. Wer das ist und vieles mehr, das erfahren Sie auch. Aber nur, wenn Sie in die Geisterbahn einsteigen!



Marita Maierholzner in VILSBIBURGER ZEITUNG im Januar 2017

Unvergessen – Unsterblich
Franziska Ball und Marty Jabara gestalten Knef-Chanson-Abend

Geisenhausen: Schauspielerin und Sängerin Franziska Ball und Pianist Marty Jabara geben in Schmids Laden ein Gastspiel mit Liedern und Szenen aus dem Leben von Hildegard Knef.
Bei der ersten Veranstaltung im Neuen Jahr am Spätnachmittag des vergangenen Sonntags freut sich Gastgeber Christoph Schmid über einen vollbesetzten Zuschauerraum. Das Publikum scheint durch sein zahlreiches Kommen gleich vorweg die Programmauswahl mit Liedern und Anekdoten der unvergesslichen und somit unsterblichen deutschen Schauspielerin und Sängerin Hildegard Knef zu goutieren. Was heißt schon Programmauswahl? Mit den unglaublich authentischen Darbietungen der Münchner Schauspielerin, Sängerin und Synchronsprecherin Franziska Ball scheint Hildegard Knef geradezu wiederaufzustehen! Nach der schwungvoll virtuosen Klavier-Ouvertüre vom Pianisten, Komponisten und Arrangeur Marty Jabara mit einem Potpourri von Melodien aus Knef-Liedern baut sich durch rhythmisches Schnippen der zahlreichen Zuhörerschaft Spannung auf. Und dann ist sie da: Franziska Ball als Sängerin Hildegard Knef mit dem ersten Chanson „In dieser Stadt“, am Flügel kongenial begleitet vom Pianisten Marty Jabarta. Sofort fühlt man sich durch Franziska Balls Sprechgesang mit rauchiger, tiefer Stimme und mit gutturalem „Rrrrr“ in die Zeit vor dreißig oder vierzig Jahren versetzt und wähnt sich durch Balls lasziv divenhaftes Auftreten im stilechten Ledermantel über nostalgischem Hosenanzug der Ikone Hildegard Knef gegenüber.
Sobald man mit geschlossenen Augen lauscht, glaubt man die Knef zu hören, so perfekt und mit täuschend ähnlicher Stimme interpretiert Franziska Ball die berühmten Chansons. Natürlich braucht es dazu einen ebenbürtigen Partner am Klavier. Der Amerikaner Marty Jabara knüpft nahtlos an die Klavierarrangements von Kai Rautenberg, dem Pianisten von Hildegard Knef an. Seine Klavierbegleitung ist ebenso subtil unaufdringlich und feinsinnig, wie melodisch und harmonisch eigenständig, unterhaltsam virtuos und ausgestattet mit harmonischen Raffinessen.
Gleich nach dem ersten Lied verwandelt sich Franziska Ball mit Hilfe einer Brille und anderer, höherer Stimmlage in die Journalistenanfängerin Lisa Schumann, die frisch abgegangen von der Journalistenschule in Los Angeles dem Interview mit der bereits betagten Diva Hildegard Knef entgegen fiebert. Das fiktive Interview zieht sich durch das gesamte Programm des Abends und hat viele Szenen aus Hildegard Knefs Leben zum Inhalt. Franziska Ball erzählt als Hildegard Knef von ihrer Kindheit in Berlin, wo sie als Halbwaise aufwuchs, über ihr enges Verhältnis zum Großvater, über den Besuch der Schauspielschule unter den Fittichen von Else Bongers, über ihre Flucht aus Berlin gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, die sie als Soldat verkleidet mit ihrer ersten großen Liebe, dem Chef der Tobis Filmgesellschaft wagt, über ihren ersten Aufenthalt in Hollywod, über ihre Hauptrolle im Musical „Silk Stockings“ von Cole Porter, die sie zwei Jahre lang jeden Abend am Broadway spielt, über den Skandal, den eine winzige Nacktszene von Hildegard Knef in dem deutschen Nachkriegsfilm „Die Sünderin“ entfacht, über ihre drei Ehen samt Ehemännern und vieles mehr. Einen Großteil der Inhalte des dargestellten Interviews entnimmt Franzika Ball der Autobiografie „Der geschenkte Gaul“. Und zwischen den einzelnen Szenen sind die Lieder von Hildgard Knef: viele bekannte und auch unbekanntere, acht Chansons vor der Pause und acht Chansons nach der Pause und dazu zwei Zugaben. Ein perfekt ausbalanciertes Programm – perfekt dargeboten.


Christoph Goldstein im Janaur 2017

Lebenssplitter: In Erinnerung an Ilse Aichinger

04.01.2017: In drei Tagen werde ich über eine Veranstaltung schreiben, die zum Gedenken an Ilse Aichinger in Schmid’s Laden stattfindet. Ich nehme einen alten, verstaubten, kleinen, blau-weißen Band mit Erzählungen aus dem Regal. Ich beginne zu lesen: Auf dem Friedhof; eine junge Frau; sie ist tot. Aber der Sarg wird wieder aus dem Grab herausgeholt; wieder auf den Leichenwagen gehoben. Der Morgen wird Nacht… Das Ende wird zum Anfang – Der Anfang zum Ende… Ich muss mich beim Lesen zwingen rückwärts zu denken. Diese Erzählung zwingt mich das Lesen neu zu lernen – das Lesen in eine andere Richtung! „[…] Bald stirbt deine Mutter. Du und Dein Vater, ihr beide holt sie vom Friedhof ab. Drei Tage liegt sie noch zwischen den knisternden Kerzen, wie damals du. Blast alle Kerzen aus, eh sie erwacht! Aber sie riecht das Wachs und hebt sich auf die Arme und klagt leise über die Verschwendung. Dann steht sie auf und wechselt ihre Kleider. Es ist gut, daß deine Mutter gestorben ist, denn länger hättest du es mit den kleinen Brüdern allein nicht machen können. Doch jetzt ist sie da. Jetzt besorgt sie alles und lehrt dich auch das Spielen noch viel besser, man kann es nie genug gut können. Es ist keine leichte Kunst. Aber das schwerste ist es noch immer nicht. Das schwerste bleibt es doch, das Sprechen zu vergessen und das Gehen zu verlernen, hilflos zu stammeln und auf dem Boden zu kriechen, um zuletzt in Windeln gewickelt zu werden. […]“ Die Spiegelung, die Umkehrung stellt unseren abendländischen, scheinbar selbstverständlichen, Begriff von Geschichte, und damit vom Geschichten-Erzählen, in Frage; denn: Unsere Welt ist vom christlichen Geschichtsbewusstsein durchdrungen (Geschichte als auf ein Ziel ausgerichtete Heilsgeschichte). Dem steht die antike Vorstellung von Geschichte als ewige Wiederkehr gegenüber. 1949 schreibt Ilse Aichinger die „Spiegelgeschichte“. Heilsgeschichten sind nach 1945 endgültig verdächtig – unerträglich geworden. „Weiter so“ ist für die Kunst unmöglich. Das heißt aber nicht, dass es keine Kunst mehr geben kann oder alles nun rückwärts erzählt werden muss! Sondern: Dass die Kunst neue Wege finden muss und auch sich selbst gegenüber Rechenschaft ablegen muss.
07.01. 2017: 19:00. Schmid’s Laden. Eine große Gruppe interessierter Menschen sitzt erwartungsvoll auf den vielen bunt zusammengewürfelten Stühlen und Sesseln. Manche mit, manche ohne persönlichen Bezug zum Haus in der Kirchstraße 4 in Geisenhausen, in dem Günther Eich fast 10 Jahre gelebt hat, eins davon zusammen mit Ilse Aichinger, mit der er ab 1953 verheiratet war. Prof. Roland Berbig versucht die Lebenssplitter zu einer Biographie zusammenzusetzen: Die Kriegszeit in Wien, die verstörende Nachkriegszeit, literarischer Durchbruch, Ehejahre mit Günther Eich, die Besinnung auf immer kleinere, intensivere Formen und ihre Rückkehr nach Wien. Dort ist sie am 11. November 2016 mit 95 Jahren gestorben.
Die „zweite“ Biographie Ilse Aichingers – ihre Werke – unterbricht das Zusammensetzen der Lebenssplitter. Ilse Aichingers Tochter Mirjam Eich, die extra aus Berlin angereist ist, und Prof. Berbig lesen Auszüge aus einigen kleinen („Mein grüner Esel“) und großen („Die größere Hoffnung“) Werken.
In Splittern auch die Musik, die Biographie und Lesung verband: Christoph Schmid spielte das vierte Stück aus Schuberts „Moments Musicaux“, das aus zwei Teilen besteht, die beziehungslos nebeneinanderstehen und um sich selbst kreisen: ein motorisch-stampfender erster Teil und ein wienerisch, selig-schwelgender zweiter Teil. Von Übergängen kann also keine Rede sein! Was macht Schubert? Er komponiert keinen Übergang, sondern: Nichts! Und das heißt in der Musik: Eine Pause – Stille. Der erste Teil kommt aus voller Fahrt abrupt zum Stehen (Handbremse!) – Pause, einen ganzen Takt lang, in der ein Lebenssplitter Ilse Aichingers Platz findet, ehe der selig-schwelgende zweite Teil beginnt usw. So wird die gebrochene musikalische Form erst offenbar und die Musik zum Spiegelbild von Ilse Aichingers zersplitterten Leben.


Christoph Goldstein in VILBIBURGER ZEITUNG im Dez 2016

Sägespäne

In manchen Gegenden dieses Planeten werden Bäume gezüchtet. Schöne, gerade, grüne Bäume. Diese Bäume werden dann umgesägt und fristen für wenige Wochen, oder gar nur einige Tage, ein jämmerliches Dasein in wohltemperierten Wohnzimmern. Und nicht nur das: Sie werden so ausstaffiert, dass man sie gar nicht mehr als Bäume erkennen kann. Und wofür? Warum? Und: Was treiben wir in der Zeit, die wir Weihnachtszeit nennen? Sich über uns selbst zu wundern und über die Differenz zwischen dem Gedanken, der dem Weihnachtsfest zugrunde liegt, und dem, was die Menschen daraus machen: das ist der Grund für das „Lametta Donnerwetter“, der Weihnachtslesung, mit der Jochen Decker in Schmid’s Laden gastiert. Jochen Decker sägt an der Illusion einer aufgezwungenen, kommerzialisierten, nicht wiederzuerkennenden, selbstverständlichen Vorstellung von Weihnachten, die das Eigentliche, die Intention der Idee Weihnachten – nichts anderes als eine religiöse Botschaft – verdeckt. Wie bringt er es fertig, dass wir bereit sind uns über uns selbst zu wundern? Er weist auf die Sinnlosigkeit unseres Weihnachtstreibens hin; er bringt diese Sinnlosigkeit auf die Bühne (als „Werkzeuge“ dienen Gedichte von Morgenstern bis Heinz Erhardt und Geschichten von Axel Hacke, Hans Dieter Hüsch und von ihm selbst) und das macht es uns erst möglich darüber nachzudenken: Erst die Distanz, die die Bühne zum Phänomen Weihnachten herstellt, gibt uns überhaupt die Möglichkeit über die Sinnlosigkeit unseres Treibens nachzudenken – es überhaupt erst als solches zu erkennen.
Jochen Decker schlüpft in die Rolle von Flöhen, Schwiegermüttern, Vätern, Kindern und die Geschichten werden zu kleinen Theaterstücken. Er arbeitet mit allen möglichen Tricks: mit Weihrauch, Tannenduft, einer Pfeife, Glühwein, mit Musik und auch mit einer Kettensäge. Aber das sind nicht nur Tricks, sondern die Außenseite, die seine Intention illustriert. Einzig die Facette Einsamkeit, die Lesung umkreist Weihnachten thematisch, funktioniert nicht. Oder: Das Publikum macht nicht mit: Jochen Decker liefert so viele Pointen, sodass das Publikum es gar nicht mehr gewohnt ist, nicht mehr zu lachen und deswegen selbst da lacht, wo gar keine Pointe ist. Als allerletzte Zugabe – davor Loriots Advent! – liest Jochen Decker den gesamten Liedtext, alle drei Strophen, von „Stille Nacht, heilige Nacht“. Wenn dann in der zweiten Strophe, wie auf einem Christkindlmarkt, die Musik auch hier vom Band dazukommt (natürlich: ein Akkordeon!), dann sind Kitsch und Wahrheit ganz nah beieinander. Denn die letzte Strophe lautet: „Stille Nacht, Heilige Nacht/Gottes Sohn, oh, wie lacht/Lieb aus deinem göttlichen Mund/Da uns schlägt die rettende Stund/Christ, in deiner Geburt/Christ, in deiner Geburt.“ Und das Akkordeon spielt…



Uta Lenk in VILSBIBURGER ZEITUNG November 2016

Ein immerwährendes Abschiednehmen

Vor ausverkauftem Haus fand die Premiere des neuesten Programms der engagierten Truppe von Schmid’s Laden ein begeistertes Publikum. Eine ausgewogene Mischung von Story, Komik und ernsthafter Musik sorgt für einen interessanten Abend im kleinsten Theater Niederbayerns, der mit einem allen bekannten besonderen Schlager zum Mitsingen abschloss.
Die damals bereits europaweit berühmte Pianistin Clara Schumann (1819-1896) und der noch sehr junge Komponist Johannes Brahms (1833-1897) lernten sich im Jahr 1853 auf Vermittlung des gemeinsamen Freundes Joseph Joachim im Hause Schumann kennen. Anschließend erfuhr die Karriere von Johannes Brahms durch den begeisterten Artikel von Robert Schumann in der Neuen Zeitschrift für Musik einen wesentlichen Impuls, und es entwickelte sich eine enge Freundschaft zwischen Brahms und der Familie Schumann. Allerdings wurde Robert Schumann nur wenige Jahre später in die Nervenklinik eingeliefert, aus der er nicht mehr entlassen werden sollte. Daraufhin zog Brahms im Hause Schumann ein, um Clara Schumann, die mit 6 Kindern alleine zurückblieb, beizustehen. Die Art und Intensität der Beziehung der beiden gab und gibt auch heute noch viel Anlass zu Spekulationen und könnte etliche Theaterabende füllen. In Schmid’s Laden werden anhand von Zitaten aus Originalbriefen verschiedene mögliche Szenen dieser Beziehung nachgestellt, die viel Spielraum für Interpretationen lassen. Christoph Schmid, Adelheid Hold und Christoph Goldstein stellen die Dreiecks-Konstellation, in der Joseph Joachim immer zwischen den beiden anderen steht und auftritt, intensiv dar. So präsentiert sich diese über vierzig Jahre währende Freundschaft in den Briefen und Begegnungen als „ein immerwährendes Abschiednehmen“ zweier Menschen, die sich zueinander hingezogen fühlen, aber aufgrund der Gegebenheiten nicht endgültig füreinander bestimmt zu sein scheinen.
Musikalisch getragen wird der Abend von Interpretationen Brahms‘scher Lieder, bei denen Ute Feuerecker von Christoph Schmid am Klavier begleitet wird. Die Auswahl umfasst einige der frühen Lieder, mit denen Brahms sich damals wohl bei Schumann vorgestellt hatte, ebenso wie einige spätere Werke. Die Liedkompositionen waren, da meist keine Auftragskompositionen, Brahms‘ ureigenstes musikalisches Betätigungsfeld und bieten deshalb eine besonders unverstellte Art, den Komponisten in seiner eigenen Sprache kennenzulernen. Ute Feuereckers warme Altstimme vermittelt die Emotionen der vertonten Gedichte souverän und äußerst einfühlsam. Außerdem erklingen auch Werke für Klavier solo (Christoph Schmid) und Klavier und Bratsche (Christoph Goldstein). Im gesamten Programm kommt das Anliegen der Bühne zum Ausdruck, musikalische Information und Unterhaltung mit Spannung und Witz zu transportieren, eingebettet in vollendet dargebrachte musikalische Interpretationen der Werke. Dies alles wird zu einer Einheit verknüpft, die auch Leuten, die bisher vielleicht weniger mit klassischer Musik in Berührung gekommen sind, Einstiegsmöglichkeiten bietet.


Hannelore Vogelgsang in VILSBIBURGER ZEITUNG im Oktober 2016

Noch einmal Wärme!
Das Duo Millefleurs in Schmid’s Laden versetzt die Zuhörer in den Süden

Zwei konzentrierte junge Frauen betreten schweigend die Bühne in Schmid’s Laden, Sarah Kober greift zum Saxophon, Nestan Heberger geht an den Flügel und brennen dann ein Feuerwerk von Musik ab: Die dreiteilige Suite „Scaramouche“ von Darius Milhaud fasst das Publikum sofort. Der starke Applaus kommt stets verzögert, da die Zuhörer erst noch nachspüren müssen, was ihnen da gerade vorgezaubert worden ist. Ein sicheres Zeichen für die Musikerinnen, dass sie die Anwesenden mitnehmen konnten auf die leicht jazzige, hüftbetonte Musik Südamerikas und Spaniens. Man hört melancholische und mit erotischen Anspielungen versehene Tangos von Pintos und Piazzolla, den gar nicht als Gassenhauer vorgetragenen Czardas des Vittorio Monti und den virtuosen Czardas des Saxophonisten Iturralde. Technische Schwierigkeiten oder Irritationen in der Abstimmung scheint es für die bescheidenen und sympathischen Künstlerinnen nicht zu geben. Ihre natürliche Anmoderation der einzelnen Werke zeigt ihre Begeisterung für diese Musik, die aufgrund der feinfühligen Interpretation für die Zuhörer sofort verständlich ist und in die Füße geht. Tanzen möchte man da fast, wenn man dann nur nicht mehr so gut zuhören könnte.