Pressestimmen



Uta Lenk für SCHMID`S LADEN im November 2017

ROTER BEETHOVEN Staatskomponist wider Willen

Letzte Werke von Künstlern werden im Nachhinein gerne als eine Art Vermächtnis des jeweiligen Künstlers verstanden. Dies gilt auch für die Bratschensonate von Dimitri Schostakowitsch, die von Christoph Schmid und Fritz Menzel am vergangenen Sonntag in Schmid’s Laden aufgeführt wurde. Eingebettet wurde die Sonate in mittlerweile altbekannter Manier in ein hintergründiges und informatives Spiel.

Dimitri Schostakowitsch genießt den Ruf, ein schwierig anzuhörender Komponist gewesen zu sein, aber eine seiner Melodien kennt fast jeder, da sie bereits zahlreich in Filmen als Musik verwendet wurde, dies ist der Walzer Nr. 2. Der erklang dann auch im ersten Teil dieser Schostakowitsch-Präsentation in einem Arrangement für Bratsche und Klavier und demonstrierte dem Publikum den melodiösen Schostakowitsch, fast zum Mitsummen.

Ein Vor-Spiel vom Band - ein alterndes Ehepaar (Adelheid Hold, Christoph Schmid) spricht kurz nach dessen Tod über Schostakowitsch und seine Bedeutung für das Musikleben in der Sowjetunion - bestritt die erste Hälfte der Gesamtaufführung und lieferte den nötigen Wissensteppich, um nach der Pause der Bratschensonate die ihr gebührende Aufmerksamkeit schenken zu können.

Schostakowitsch war zeit seines Lebens im Konflikt zwischen der kommunistischen Doktrin und der westlichen Welt gefangen und fand sich immer wieder in einer prekären Lage zwischen Hochachtung und Gefährdung durch die Obrigkeit der Sowjetunion, und seinem Drang nach künstlerischer Freiheit. Stalin selbst hatte ihn als ‚roten Beethoven‘ bezeichnet, der der Staatskomponist der Sowjetunion sein sollte, allerdings war diese Situation äußerst heikel, weil es sehr schnell gelang, Stalins Unwillen zu erregen. Als großer Verehrer von Bach blieb Schostakowitsch in seinem kompositorischen Schaffen der Tonalität wesentlich mehr treu als es seine Kollegen im Westen taten, und führte auf seine ganz eigene Art die sinfonische Tradition weiter. Sein prägendster Lebensabschnitt wurde überschattet von der Stalin-Ära und dem zweiten Weltkrieg, und auch danach befand er sich im ständigen Spagat zwischen seiner Position als unverzichtbarer Teil des Kultursystems und seinem Wunsch, unabhängig und ohne Bevormundung komponieren zu können.

Die Bratschensonate selbst wurde nach der Pause souverän und einfühlsam von Schmid und Menzel präsentiert, ganz im Sinne von Schostakowitschs Anliegen, das Hören als einen Schaffensprozess zu verstehen. Die Anklänge an Beethovens Mondscheinsonate im 3. Satz lieferten einen versöhnlichen Abschluss eines interessanten und anspruchsvollen Abends.


Karin Basso-Ricci in VILBIBURGER ZEITUNG im Oktober 2017

Farbenbad

Ein synästhetischer Genuss in Geisenhausen: Einmal mehr hat sich der renommierte Jazz-Saxophonist Matthieu Bordenave Schmid’s Laden ausgesucht, um erstmals seine neues Projekt mit dem Quartett „Grand Angle“ zu präsentieren. Die dazugehörende CD „Terre de Sienne“ (Siena-Erde) erscheint am 3. November und bietet diesmal Eigenkompositionen von Bordenave. Wie sein großes Vorbild Olivier Messiaen hat der französische Künstler Farben in Musik übersetzt. Vom Grün des Smaragds am Ring seiner Großmutter bis zum „Terre de Sienne“-Ocker der vom Saharawind getrockneten Landschaft in den spanischen Pyrenäen konnte man so in mannigfaltigen Schattierungen schwelgen. Mit Peter O’Mara an der Gitarre, Henning Sieverts an der Bass-Geige und Shinya Fukumori am Schlagzeug hat Bordenave wieder drei Meister ihres Handwerks um sich geschart. Gemeinsam kredenzten sie entspannten bis energischen Jazz von Weltrang mit eindrücklichen Melodien und überraschenden Akkorden, garniert mit exklusiven und berührenden Einblicken in die Kindheit von Matthieu Bordenave, der zu jeder Farbe eine ganz persönliche Geschichte zu erzählen wusste.


Christoph Goldstein VILSBIBURGER ZEITUNG im September 2017

Die Maulwürfe sind los!

Günter Eich und Mozart in Schmid’s Laden

Hat der Begriff „Maulwurf“ mehrere Bedeutungen? Sicher nicht, würden Sie sagen, denn ein Maulwurf, das ist ja ein Tier und sonst nichts! Und genau bei diesem „und sonst nichts“, da liegt auch das Problem. Wir haben uns in unserer Sprache so bequem eingerichtet, dass wir ihre Mehrdeutigkeit gar nicht mehr wahrnehmen können. Und um diese Mehrdeutigkeit geht es Günter Eich in seinen „Maulwürfen“. Diese „Maulwürfe“ sind wunderbare Miniaturen, die vom Sinn und Unsinn unserer Sprache und unseres Alltags handeln. Günter Eich missversteht unsere Gewohnheit Begriffe auf eine ganz bestimmte Weise, und nicht anders, aufzufassen absichtlich. Und so ist ein „Maulwurf“ eben nicht nur ein Tier, sondern auch ein „Maul-Wurf“; ein sprachlicher Ausdruck, ein kleiner Text, den man mit seinem „Maul“ einfach so hinwirft. Indem Günter Eich unsere altbekannten Wörter neu versteht, ihnen absichtlich völlig neue Bedeutungen gibt, entsteht eine neue poetische Welt, die unglaublich witzig sein kann, absurd, skurril, grotesk, traurig, nachdenklich – kurz: menschlich. Und diese Welt entzieht sich erstmal unserem Drang unbedingt verstehen zu wollen.
Christoph Schmid bringt in seiner szenischen Lesung mit Musik zwei Menschen auf die Bühne: Einen komischen Kauz, der unbedingt den Inhalt der „Maulwürfe“ verstehen will, und eine unbekannte, mysteriöse Dame aus dem Publikum, die nicht vom Inhalt, vom Sinn, ausgeht, sondern vom Witz, vom Unsinn, der in den „Maulwürfen“ steckt. Und das ist unglaublich witzig, aber auch rührend, wie die beiden sich zwischen der gemeinsamen Lesung der Texte streiten und sich wieder versöhnen. Adelheid Hold verkörpert auf wunderbar komische Weise die kopfschüttelnde Dame, die von den Schrullen des komischen Kauzes verwundert und genervt ist, und Christoph Schmid spielt, und das ist furchtbar lustig, den komischen Kauz, dem auf einfältig-witzige und gleichzeitig rührende Art rein gar nichts gelingen will. Er bekommt weder über das Verstehen einen Zugang zu den „Maulwürfen“ noch schafft er es die „Maulwürfe“ auf Band aufzunehmen.
Die „Maulwürfe“ und die Szenen, die die Lesung umgeben, werden an bestimmten Stellen durch den ersten Satz einer Mozart-Sonate unterbrochen. Und das ist nicht irgendeine Sonate, sondern diese eine Sonate mit dem wunderbar schwebenden, aber gleichzeitig rührend-einfachen Anfang, den wirklich jeder kennt. Und auf diesen Anfang folgen viele Variationen, die eben diesen Anfang variieren, maskieren, umdeuten, so dass man ihn fast nicht mehr wiedererkennt. Dadurch erhält dieser Anfang viele neue Bedeutungen und entfernt sich von dem wunderbar schwebend-rührenden Charakter des zu Beginn. Und neue Bedeutungswelten zu erschließen, darum geht es bei Eich ja auch. Ein Wort bedeutet nicht nur eine Sache, sondern viele. Das Prinzip der literarischen Texte spiegelt sich also in der Musik wieder. Gleichzeitig erlaubt die Musik den Menschen im Publikum über die Texte nachzudenken, in sich zu gehen, sich zu erholen und zu genießen. Und mit der Musik ist es ja ähnlich wie mit den Maulwürfen. Man kann sie verstehen wollen, sie mit dem Intellekt hören wollen, aber genauso schön oder vielleicht noch schöner ist es, sie mit dem Herzen zu hören. Christoph Schmid spielt den Anfang dieser Sonate so besonnen, so federnd und so zart, dass man meint, die Zeit stünde still.
Man kann die Struktur dieser furchtbar komischen szenischen Lesung mit Musik verstehen, sie aufdröseln, so wie ich es eben versucht habe – man muss es aber nicht. Diese Veranstaltung, die Sie am 22. und 24. September noch einmal erleben können, macht viel mehr Spaß, wenn man sich einfach auf sie einlässt, lacht, nachdenkt und sich von den Texten und der Musik berühren lässt. Und vielleicht gelingt es Ihnen ja die Suche nach Sinn, nach Bedeutung, die uns alle umtreibt, einen Augenblick auszuschalten. Weitere Aufführungen am 22. September um 20:00 Uhr und am 24. September um 18:00 Uhr.


Christoph Goldstein
Christoph Goldstein in VILSBIBURGER ZEITUNG im Mai 2017

In der guten Stube Geisenhausens
TRIO TRINITI in Schmid´s Laden

Wissen Sie, was ein Clavichord ist? – Es gibt Dinge, von denen weiß man, dass es sie gibt, man muss sie aber nicht unbedingt gesehen, zum Beispiel die Antarktis, oder gehört haben, zum Beispiel das Geräusch eines Presslufthammers. Aber, um zur Sache zurückzukommen: Es gibt Dinge, bei denen man sich denkt: „Ja, ich weiß schon, was das ist; ich kann mir vorstellen, wie das klingt.“ Aber: Wie stark betrügt uns unsere scheinbare Allwissenheit! Ich dachte bis vor kurzem auch: „Ja, ich weiß, was ein Clavichord ist.“ Aber ich habe noch nie eines gehört. Bis gestern! Und erst, als ich gehört habe, wie ein Clavichord wirklich klingt, da habe ich einen wahren Begriff davon bekommen, was das eigentlich ist – ein Clavichord. Das ist ein ganz, ganz, ganz kleines Klavier. So klein, dass man es überall hin mitnehmen kann. Man könnte es einpacken und im Zug oder im Auto auspacken und einfach darauf spielen. Aber darum geht es mir nicht. Wie das klingt so ein Clavichord! Sagenhaft! Wie das feine Zirpen einer Grille, das uns ein Windhauch von ganz fern an unser Ohr trägt und man sich erst fragen muss: „Ist da was?“ Und das spannendste war: In dem Moment, in dem die Cembalistin Jitka Slechtova auf diesem Instrument begonnen hat zu spielen, da saß jeder im Publikum auf dem Rand seines Stuhles, denn das Clavichord war ja so leise – und niemand wollte etwas verpassen! Der Applaus danach kommt einem dann ungefähr so laut vor, wie das Getöse, das eine trampelnde Büffelherde macht.
Und, wenn ich jetzt schreibe, das müssen Sie einfach gehört haben, dann meine ich das wirklich so. Denn dieses Instrument muss man erlebt haben. Und Schmid’s Laden ist genau der Ort dafür. Denn das Clavichord ist eigentlich für den Hausgebrauch gedacht: Für einen, maximal zwei oder drei Zuhörer.
Zuhause zu musizieren war ein zentraler Teil der Musikpraxis im 17. und 18. Jahrhundert. Und genauso fühlt man sich beim Konzert des Trio Triniti: Als ob drei hübsche Damen zusammen zu Hause in der guten Stube musizieren. Man merkt es den dreien an, dass sie sich kennen, sich vertrauen können. Und es macht Spaß, ihnen zuzuhören. Vor allem, wenn Martina Stecherova alle Facetten von Witz, Leid, Trauer und Freude verkörpert, die in den Arien, die sie singt vorkommen. Und: Man versteht es! Selbst, wenn man nicht des Italienischen mächtig ist. Monika Devatas virtuoses, müheloses Flötenspiel – wenn Sie noch nie gehört haben, wie eine Blockflöte „wirklich“ klingen kann, dann können sie es, wenn sie spielt, hören! – ist schon an sich ein Ereignis. Und: Sie kann – wie ein wunderschöner Rahmen zu einem Gemälde gehört, der sich aber nicht aufdrängen darf – einen wunderschönen Rahmen für die Sängerin bilden. Und ohne diesen Rahmen, wäre der Gesang schön, aber nicht so schön, wie mit einem Rahmen. Sie merken schon, ich bin begeistert. Noch zwei Mal haben Sie die Gelegenheit sich von diesen drei Damen begeistern zu lassen. Am 19. Mai um 20:00 Uhr und am 21. Mai um 17:00 Uhr – natürlich in Schmid‘s Laden. Der guten Stube Geisenhausens.


Karin Basso-Ricci in VILSBIBURGER ZEITUNG im April 2017

Ring frei!
Mozart gegen Mozart in neuer Produktion von Schmid’s Laden

„Ring frei!“ hieß es vergangenen Sonntag für die neue Produktion von Schmid’s Laden: Mit der Premiere von „Paris, hin und zurück“ widmete sich die findige Truppe des Theaters in Geisenhausen erneut einer Künstlervita und bot einen wahren Schlagabtausch. Niemand geringerer als Wolfgang Amadeus Mozart (Christoph Goldstein) und sein Vater Leopold (Hausherr Christoph Schmid) stiegen vor ausverkauftem Hause in den Ring – Pardon, auf die Bühne. Mit szenischen Auszügen aus dem originalen Briefwechsel von Vater und Sohn und Violinsonaten von Wolfgang Amadeus ließen sie dessen biographisch bedeutende Paris-Reise und die spannungsreiche Symbiose der beiden Männer aufleben. Schlagfertig, flott choreographiert, reduziert aber effektvoll inszeniert – wie man es von Schmid’s Laden gewohnt ist und es das ungewöhnliche Veranstaltungsplakat von Hausfotograf Thomas Beißner mit einer Boxszene suggeriert hatte.

Salzburg, September 1777: Nach dem Zerwürfnis mit seinem Arbeitgeber, Fürsterzbischof Hieronymus von Colloredo, braucht Wolfgang Amadeus eine neue Anstellung. Also schickt ihn Vater Leopold mit der Mutter über München, Augsburg und Mannheim nach Paris, um potentiellen Dienstherren die Aufwartung zu machen. Erstmals kann er seinen Sohn nicht begleiten, ist nur schriftlich mit ihm in Kontakt. Ganz dem didaktischen Anspruch von Schmid’s Laden verpflichtet, präsentierte Moderatorin Adelheid Hold den historischen Kontext.

Im charaktervollen Vortrag der Briefpassagen ließ Schmid dann einen pragmatischen Leopold zu Wort kommen, unbeeindruckt von des Sohnes Grillen, selbst als ihm dieser seine Liebe zur Sängerin Aloysia Weber gesteht. Die knappe Familienkasse vor Augen, ist Leopold auf den materiellen Erfolg aus, lenkt die Unternehmungen des Sohnes bis ins Detail. Aus Wolfgang Amadeus‘ Zeilen – von Goldstein ganz in Urlaubslaune in Hawaii-Hemd und auf einem Koffer sitzend auswendig vorgetragen – sprach ein derb-humorvoller und vielleicht etwas naiver Idealist mit eigenen Träumen. Dem Willen des Vaters weiß er sich gelegentlich geschickt zu entziehen – spritzige Pointen waren damit garantiert!

Dazu war die Musik treffend gewählt: Ausgerechnet die Violine, mit Leopold und seiner europaweit bekannten Violinschule eng verbunden. Und ausgerechnet die Violinsonate, die Wolfgang Amadeus im Laufe seines Schaffens entwickelte – von der Dominanz des Klaviers, die sie zu dieser Zeit hatte, hin zu einem Dialog zweier gleichberechtigter Partner. Somit fiel es schwer, die Musik unabhängig von den gespielten Rollen zu hören. Zunächst die G-Dur Sonate KV 301, die just 1778 in Mannheim entstand. Hier herrscht noch eindeutig das Klavier, die Geige ist oft, bis hin zu langen Haltetönen, nur Begleitung dafür. Dies kostete vor allem Schmid am Klavier aus: tonangebend, bestimmend, manchmal fast aggressiv.

Der zweite Teil des Abends brachte einen Wendepunkt: den Tod der Mutter 1778 in Paris, der Wolfgang Amadeus tief erschüttert. Jetzt wird deutlich, wie sehr die beiden Männer sich auch emotional brauchen: „Niemand kann mich vor dem Tode erretten als du“, schreibt Leopold an seinen Sohn und bittet ihn eindringlich, sofort zurückzukehren. Dieser bäumt sich zunächst auf. Von der Liebe und dem ausbleibenden Erfolg enttäuscht, kehrt er aber schließlich 1779 ins ungeliebte Salzburg zurück, kapituliert scheinbar, geht k.o.

Wäre da nicht die Musik: die B-Dur Sonate KV 378, 1779 in Salzburg komponiert. Hier lässt Mozart beide Instrumente gemeinsam brillieren und Goldsteins Geige nimmt sich beherzt ihren Anteil. Man möchte dies symbolisch für einen Sohn sehen, der sich nicht nur musikalisch – daran hatte sein Vater nie Zweifel –, sondern auch in seinen Lebensentscheidungen emanzipiert. In Schmid’s Laden wurde Kammermusik zu Musiktheater und der verlebendigte und berührende Einblick in den kulturhistorisch so bedeutenden Briefwechsel von Vater und Sohn Mozart war ein Geschenk. Das Publikum dankte es mit ausladendem Applaus.


Christoph Goldstein in VILSBIBURGER ZEITUNG im März 2017

Die glorreichen Vier
Köll, Amannsberger, Ross und Thalhammer zu Gast in Schmid’s Laden!

Ich habe eine furchtbare Angewohnheit. Ich plaudere gerne. Wenn mir jemand ein G‘schichterl erzählt und dann sagt: „Aber sag’s ja nicht weiter!“ Dann sage ich: „Ja, ja, versteht sich, natürlich!“ Kurz darauf juckt es mich so in den Fingern – und ich erzähle es doch jemandem! Also passen S‘ auf: Ich war am Freitagabend in Schmid’s Laden. Es ist 20:00 Uhr. Ich sitze erwartungsvoll auf meinem Platz. Es wird 20:03. – „Jetzt werden s‘ bald anfangen!“ 20:05. – „Wenn s‘ jetzt nicht bald anfangen, krieg‘ ich nachher beim Peppone keine Pizza mehr!“ – Da kommt Christoph Schmid auf die Bühne: „Keine Angst, meine Damen und Herren, wir beginnen sofort. Einer unserer Gäste ist noch drüben beim Peppone; wenn Sie nichts dagegen haben, warten wir noch etwas. Sie sehen, jedes Schäfchen ist uns wichtig!“ Natürlich ist die Begleiterin des vermissten Herrn schon längst auf der Suche nach ihm… Der Herr kommt. Die Vorstellung kann beginnen – und ich habe meine Pizza bekommen. Aber es geht um etwas anderes: Wer hätte das gedacht. Haben Sie schon einmal erlebt, dass das irgendwo anders passiert? Dass man auf einen Gast wartet? Nein! Aber auch das zeichnet Schmid’s Laden aus. Man kümmert sich um jeden einzelnen Gast. So freundlich wie der Gastgeber sind auch die vier Herren, die dann auf die Bühne kommen: Richard Köll, Stefan Amannsberger, Michael Ross und Martin Thalhammer. Aber, was soll ich sagen. Es ist einfach gut. Gut, wie die Herren zusammenpassen, zusammenspielen, sich verstehen. Kein Wunder, sie spielen ja schon ewig zusammen. Und dabei erfinden sie sich zum Teil immer wieder ein bisschen neu. Aber keine Angst, es ist immer noch das, was Sie kennen, schätzen, lieben. Wie bei einem Krimi von Donna Leon, oder, wenn Sie es wünschen, Agatha Christie. Wir kennen und lieben die Form, die immer gleich ist, aber die Geschichte ist doch immer einer andere. Und genauso hier: Richard Kölls augenzwinkernde Moderationen gehören einfach dazu. Sie bewahren mich davor, dass ich durch zu viel Musik, wie es oft so ist, ersäuft werde – mehr bekomme, als ich eigentlich will, als ich aufnehmen kann. Und: Sie leiten auch noch über zum nächsten Stück, das oft eine ganz eigene Geschichte hat: Zum Beispiel die, von der Essigrosendickfühlerweichwanze. Aber dieser Titel spielt eigentlich keine Rolle, die Stücke würden auch ohne den Titel funktionieren und man hat fast den Eindruck, die Titel gibt es nur, um die lustigen Moderationen überhaupt möglich zu machen. Eins noch: Wenn die Herren im Quartett spielen und Michael Thalhammer (Bass) Stefan Amannsberger (Gitarre) von der Pflicht immer das harmonische Fundament und die Bewegung zu liefern entlastet, dann kann Stefan Amannsberger viel befreiter aufspielen. Und das gibt dem harmonischen Teppich, den beide ausbreiten, noch viel interessantere Muster. Auf diesem Teppich spaziert, leichtfüßig Michael Ross (Querflöte). Er liefert die Virtuosität. Er ist der Instrumentalist in dieser Gruppe, den man wegen seiner Fähigkeiten bestaunt. Und das gehört zum Jazz unbedingt dazu. Und das macht den im Kontrast dazu stehenden lyrischen Stil von Richard Köll noch sympathischer. Alle vier ergänzen sich mit ihren Stärken. Besser geht’s nicht!
Richard Kölls Kompositionen verbinden oft scheinbar Gegensätzliches. Ein Beispiel: In „Der Vintagerich“ steht eine leicht verdrehte Gavotte neben Swing. Das funktioniert, weil beides Tanzformen sind, die ähnliche Bewegungsmuster haben. Aber 1+1 (Barock + Swing), das ist noch kein Stück. Erst durch den Ruhepol in der Mitte entsteht es, der nicht auf Bewegung setzt, sondern auf harmonische Spannung und Entspannung – ohne Bewegung, ohne Tempo; fast meditativ. Man hofft, dieser Mittelteil möge nie enden, aber: dann geht es wieder von vorne los, bloß in der umgekehrten Reihenfolge. Das Prinzip im Konzert durch Abwechslung – Moderationen – das Publikum nicht zu überfahren, überfluten ist auch in den Stücken Richard Kölls wirksam – bloß in der Musik selbst. Deshalb passt Richard Köll so gut zu Schmid’s Laden. Denn Christoph Schmid verfolgt ein ähnliches Konzept im Bereich der Klassischen Musik.
Wer die beiden weiteren Termine der „glorreichen Vier“ nicht verpassen möchte – und das rate ich Ihnen nicht – der hat noch am Freitag,18. März um 20:00 Uhr und am Sonntag, 26. März um 17:00 Uhr die Gelegenheit. Ach ja! Eine neue CD gibt es auch noch! Zu kaufen – auch signiert – bei den Vorstellungen!



Christoph Goldstein in VILBIBURGER ZEITUNG im Februar 2017

Einsteigen bitte!
Grandiose Winterreise in Schmid’s Laden

11.02.2017, gegen 22:00, Schmid’s Laden: Die Dame neben mir springt auf, ruft: „bravo!“ Der Herr in gesetzterem Alter schräg rechts applaudiert wie verrückt und ruft „super!“; die Menschen schreien und jubeln. Haben sie recht? Und ob! Denn das, was sie eben hautnah miterlebt haben – Müllers Winterreise, vertont von Schubert – war gewaltig, mitreißend – irre! Aber was ist diese „Winterreise“ überhaupt? 24 schauerliche Lieder, die allesamt um eines kreisen: um die verzweifelte Irrfahrt eines fiktiven Subjekts, das von seiner Geliebten betrogen wurde; Verzweiflung, Erinnerung, Flucht, Resignation, Aufbäumen, Todessehnsucht. Es gibt viele Möglichkeiten die Reise dieses fiktiven Subjekts darzustellen. Peter Tilchs Subjekt brüllt, wütet, rüttelt an den Gitterstäben des selbstgebauten Gefängnis‘. Die „Winterreise“ wird zu einer fürchterlichen Reise. Schon das erste Lied bebt, zittert unter der Last des Ernstes, der Lautstärke, der Bedeutung, die es aushalten muss – und es hält es aus. Und die Zuhörer auch. Sie sind von der Gewalt der Ausführung hingerissen. Christoph Schmid hat bei der Winterreise den schwierigeren und wichtigeren Teil. Er muss in wenigen Takten die Szenerie schaffen; mal muss er, wie im ersten Lied, einen Teppich ausrollen, mal hat er die Hauptrolle (Nr. 18) und eigentlich macht die Klavierstimme die Lieder erst interessant und erzählt manchmal eine ganz eigene Geschichte (Nr. 16, Nr. 24). Um das schwierige Verhältnis dieser beiden, Stimme und Klavier, die oft Gegenspieler sind – sein müssen – darum geht es bei der Winterreise, musikalisch gesehen. Deshalb ist die „Winterreise“ auch oft eine Enttäuschung. War’s eine, oder nicht? Das müssen Sie selbst herausfinden. Entweder am 25. Februar um 20:00 oder am 26. Februar um 17:00. Es lohnt sich auf alle Fälle in die Geisterbahn einzusteigen. In die Geisterbahn? Als solche wird die „Winterreise“ nämlich in Schmid’s Laden inszeniert. Aber damit nicht genug; wissen Sie von wem die „Winterreise“ eigentlich ist? Von Wilhelm Müller. Wer das ist und vieles mehr, das erfahren Sie auch. Aber nur, wenn Sie in die Geisterbahn einsteigen!