Bühnenproduktionen

LITERARIKON
Die Hinterlassenschaft






Das Programm
Leseprobe
Fotos



DIE HINTERLASSENSCHAFT

Literarikon
für einen rezitierenden Pianisten und eine Technikerin

Nach seinem Lyrikalion „Draussen wo die Welt beginnt“, das im Landshuter Skulpturenmuseum sehr erfolgreich zu sehen war, präsentiert der  Künstler Christoph Schmid sein aktuelles  sein Literarikon „Die Hinterlassenschaft“ in der Rochuskapelle.
Unter „ Literarikon“ versteht er eine Veranstaltungsform, die einen literarischen Text mit Zuspielungen  zu einer neuen Form verbindet.
Obwohl auf Musik im eigentlichen Sinne bei diesem Abend verzichtet wird, spielt ein musikalischer Faktor in der Konzeption eine große Rolle.
Schmids Literatur ist stark von musikalischen Gegebenheiten geprägt.
Auch der Vortrag eines Textes ist in gewisser Weise eine musikalische Interpretation, wenn der Vortragende dies zu vermitteln weiß.
„Die Hinterlassenschaft“ ist eine Erzählung die Schmid im Jahre 2010 geschrieben hat.
In dieser Erzählung, die im Ausgang des 19 Jahrhunderts angesiedelt ist, geht es um die merkwürdigen Begebenheiten um einen Jungen, der ein außergewöhnliches Interesse an der Tastatur eines Klaviers zeigt. Der Text zeigt die Entwicklung eines Menschen auf, der einen verborgenen Weg findet, sich fernab von gesellschaftlichen Normen zu entwickeln. Dieser Junge erlebt eine innere Verwandlung, eine stille Revolution. 
In „Die Hinterlassenschaft“ geht es um die Schwierigkeit, der jedem Menschen innewohnenden Einzigartigkeit ins Angesicht blicken zu können.




Das Programm

Die Rollen und ihre Darsteller:

Christian Alsgaard:        Christoph Schmid
Thore als Kind:              Emil Schmid *
Thore als Jüngling:        Lorenz von Grafenstein *
Prof. Helsing:                 Heinz Kaiser *
Der Vater:                      Helmut Grumbach *
Die Mutter:                     Bianca Schnepf

* als Zuspielung

Assistenz und Technik: Bianca Schnepf
Musik:                           Christoph Schmid

Dauer der Vorstellung: ca. 80 Minunten (Keine Pause)
Das Literarikon ist als CD-Aufnahme erschienen.




Leseprobe

Auszug aus der Erzählung "DIE HINTERLASSENSCHAFT" von Christoph Schmid

Der Schrank der Tisch und das metallene Bettgestell waren alle strahlend weiß gestrichen. Auch die Bodendielen waren weiß. Ich trat also in das weiße und strahlende Zimmer meines Bruders.
Der Bruder saß, mit dem Rücken zur Türe, in der hellen Anstaltskleidung am Klavier.
Der Kontrast, der das tiefe Schwarz des Klaviers zur Abenteuerlichkeit werden ließ, zwang mich zu lachen.
Ich sah meinen Bruder an diesem schwarzen Klavier sitzen und musste lachen. Ohne sein Spiel zu beenden, wendete er den Kopf zu mir.
Seitlich neben dem Klavier stand der Stuhl, wie vom Tisch abgerückt.
Er stand merkwürdig einsam im Raum. Es schien mir als habe der Bruder diesen Stuhl für mich bereit gestellt.
Ja, er hatte den Stuhl in Erwartung meines Besuches in die Mitte des Raumes gestellt.
Ich sollte auf diesem Stuhl meinen Platz finden.
Der Bruder hatte alles vorbereitet.
Er wollte bestimmen wie die Besuche von mir bei ihm abliefen.
Mein Bruder hatte die Fähigkeit eine zärtliche Macht über mich auszuüben.
Ich fügte mich in seine Pläne, ohne mich auch nur im Geringsten übergangen zu fühlen.
Ich war gerne hier in dieser Anstalt, in diesem Zimmer, umgeben von Weiß und dem lächerlichen Schwarz des Klaviers.
Ich nahm Platz.
Sein Spiel hatte sich verändert.
Zu Hause hatte er den Kopf auf die Tastatur gelegt, um dann mit den Fingern bedacht und langsam über dieselbe zu wandern.
Jetzt saß er kerzengerade vor seinem Instrument.
Von seinem Platz aus konnte er durch das Fenster zu den Bäumen des Innenhofes blicken.
Sein Blick ging geradewegs nach außen.
Zu meiner Überraschung spielte er ausschließlich mit einer Hand, ja mit einem Finger.
Sein Körper saß vollkommen bewegungslos, während er diesen einen Ton zum Klingen brachte.

Zu Anfang meines Besuches erwartete ich noch einen anderen Ton von
Ihm zu hören. Noch wusste ich nicht, dass sein Spiel nur noch, und ausschließlich einem Tone gewidmet war.
Sein fünfter Finger der linken Hand bewerkstelligte den Anschlag mit einer nicht zu ergründenden Genauigkeit.
Nach einer halben Stunde wusste ich, dass sich sein Spiel nicht mehr verändern würde.
Ich fügte mich also diesem einen Ton.
Ich erwartete keinen zweiten.
Dieser eine Ton, den der Bruder hervorbrachte, bleibt mir bis heute rätselhaft.
Der Ton war kräftig und intensiv, aber auf keinen Fall unangenehm.
Die Geschwindigkeit mit der die immer gleiche Taste angeschlagen wurde, folgte, meinem Eindruck nach, verborgenen Gesetzen.
Der Bruder entschloss sich immer wieder aufs Neue, den Ton jetzt, gerade in diesem Moment, anzuschlagen.

Nie habe ich einen Menschen konzentrierter bei der Arbeit vorgefunden.
Von seiner Konzentration ging aber eine mich rührende Gelassenheit aus, die ich noch nicht kennen gelernt hatte.

Obwohl sich der Bruder nicht bewegte, schien er in freudiger Erregung zu sein.
Sein Körper strahlte wie der Ton, der jetzt schon fast eine Stunde unablässig an mein Ohr drang.
Je länger  dieser Ton durch ihn existierte, umso mehr schien er mich für ihn einzunehmen.
Sein Ton war unfähig dazu Langeweile zu verbreiten.
Die Zeit war mir kurz.
Ich saß eine Stunde lang im Zimmer meines verrückten Bruders und die Zeit schien mir wie aus einer Gefangenschaft entlassen.
Nach einer weiteren Stunde wusste ich, dass mich sein Spiel glücklich machte.

Dann endete der Ton.




Fotos













von innen nach außenChristoph Schmid
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